PostHeaderIconInterview mit Kalen

 

 

1.       Kalen, was genau verstehst du unter dem Begriff Two Spirit?

In jedem Menschen gibt es männliche und weibliche Anteile, die unterschiedlich stark ausgeprägt und entwickelt sind. Der Begriff beschreibt sehr gut das Zusammenspiel dieser zwei Seiten einer Seele und die innere Balance. Für mich verkörpert der Begriff: Mit der eigenen Seele Kontakt zu haben.

 

2.       Auf welchen historischen Hintergrund basieren die Two Spirits?

Seit über 500 Jahren schreiben Missionare, Forscher, Entdecker, Biologen, Mediziner, Anthropologen und Psychologen Berichte über das Leben der indigen Völker der Welt. Dabei stoßen sie seit vielen Jahrhunderten immer wieder auf das Phänomen, dass Männer als Frauen sowie auch Frauen als Männer leben. Sie verstehen dies bis heute nicht.

Ihr christlicher Hintergrund und ihre westlichen Gesellschaftsstrukturen ließen diese „wilde“ Art zu leben nicht zu.

Seit dem 17ten Jahrhundert wurde der Begriff „Berdache“ von den Forschern genutzt. Dieser Begriff stammt aus dem Arabischen (männliche Prostituierte, sich einen Jungen halten) und fand so in Spanien / Frankreich (passiver Homosexueller) eine Sprachfamilie. Französische Forscher, Louis Joliet und Jaques Marquette, nutzten den Begriff, um das zu verstehen, was sie sahen. Sie verstanden aber nicht den Hintergrund und die Bedeutung dieser Menschen in der indigen Kultur.

1989 gab es eine große Versammlung der nordamerikanischen indigen Kulturen und sie suchten einen neuen Begriff. In über 150 Stämmen sind Two-Spirits bekannt und es gibt 130 verschiedene Bezeichnungen für sie, da viele Stämme eine eigene Sprache entwickelt haben. Andere Kulturen der Welt haben andere Begriffe gefunden.

Two-Spirit zu sein, war eine wichtige hohe Stellung in der Gesellschaft. Ein Mensch, der das männliche und weibliche in sich vereint. Heute würden wir vielleicht auch den Begriff androgyn benutzen. Es ist jedoch der spirituelle Aspekt, welcher den Two-Spirit vom androgynen Menschen unterscheidet.

 

3.       Welche Personengruppen fasst du unter dem Begriff Transgender zusammen?

Der Begriff Transgender wurde von Virginia Prince in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts geprägt. Sie nutzte ihn für Männer, die das soziale Leben einer Frau führen, ohne eine körperliche Angleichung durch Operationen oder Hormone. Genau dieses Leben können wir auch bei den indigen Kulturen beobachten.

Der Begriff wandelte sich im Laufe der Zeit. Im Englischen gibt es zwei Wörter für Geschlecht, wobei Gender das soziale Geschlecht beschreibt. Mittlerweile wird der Begriff als Sammelbegriff für alle Facetten genutzt und so verstehe ich ihn mittlerweile auch.

 

4.       Welchen Zusammenhang siehst du zwischen den Transgendern und den Two Spirits?

Das freie Leben jenseits der gesellschaftlichen Norm. Beides beginnt mit einem Gefühl in jungen Jahren. Die Transgender entscheiden meist über das Ego in Verbindung mit dem Unterbewusstsein, welchen Weg sie einschlagen und behalten ihn, gestützt durch das Ego bei. Der Two-Spirit steht in  Kontakt mit seiner Seele und dem Unterbewusstsein. Er lebt in einer anderen Balance der männlichen und weiblichen Anteile. Er kennt das innere Gespräch.

 

5.       Definierst du dich selber als Transgender oder als Two Spirit und wo liegt für dich bezogen auf deine Person der Unterschied bzw. wie grenzt du die beiden Begriffe auf deine Person bezogen ab?

Auch bei mir liegt der Ursprung in einem Gefühl, das ich nicht verstehen und nicht (er)klären konnte. Es war einfach da. Ich habe 10 Jahre als Transgender gelebt - bezogen auf die ursprüngliche Bedeutung - um dem Gefühl Ausdruck zu geben, um es zu erforschen und es zuzulassen.

Der Two-Spirit an sich ist auch eine soziale Rolle und steht für mich auch für eine Verbindung zu meinem inneren Selbst und der Seele.

Häufig habe ich gehört: „Es wurde mir in die Wiege gelegt.“,  „Wir werden so geboren.“, „Eine weibliche Seele in einem männlichen Körper“  und die neueste Aussage der Mediziner/Genetiker ist, „ein weibliches Gehirn in einem männlichen Körper“.

Die Natur erschafft diese Art von Menschen weltweit  in allen Kulturen und auch seit Jahrtausenden. Wir haben heute nur vergessen mit der Natur, unserer Natur, in Kontakt zu treten, um zu erfahren und zu verstehen, warum wir so sind. Mein Leben war zu laut, um die innere Stimme zu hören, bis ich zur Ruhe kam.

 

6.       Wie genau hat sich bei dir die Entwicklung vom Transgender zum Two Spirit vollzogen?

Als Kind verstand ich die Gefühle nicht und konnte mich auch niemanden anvertrauen. Ich lebte geheim, so eine Art Doppelleben oder  Doppelidentität. Ich lebte es irgendwie aus, spielerisch.

Dann folgte die Pubertät und die Jugendzeit, bei der ich lernte, meine wahren Gefühle geheim zu halten und in mir zu tragen. Doch irgendwie wollten sie immer raus und gelebt werden. Irgendwie arrangierte ich mich mit den Gefühlen, mehr oder weniger.

Dann kam eine schwere Krankheit, welche mich an das Bett fesselte, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich konnte mich kaum rühren. Die Ärzte wussten nicht so recht, was sie mit mir machen sollten. Und wieder tauchte das Gefühl als innere Stimme auf. Ich entschied mich, ihr zu folgen und meine andere Seite zuzulassen…  sie in mein Leben zu integrieren.

Nach 11 Wochen Krankheit kam die Genesung und ich ließ die Gefühle zu, begann sie zu erforschen. Ich schaute mir die verschiedenen Facetten der Transgender-Szene an, lebte sie und merkte immer wieder ... das ist es noch nicht. Ich lernte sehr viel über mich, machte interessante Erfahrungen zum Thema Geschlecht, Sexualität, Gesellschaft, Glauben(ssätze) und meinem eigenen Sein. Dann nahm ich einige Begriffe wörtlich: „Ich wurde so geboren“ …  „Es wird uns in die Wiege gelegt“ … „Ich war schon immer so“ … „Seele im falschen Körper“.

Alles das deutete darauf hin, dass ich vor der Geburt suchen muss, denn dort schien der Ursprung zu liegen. So entdeckte ich die alten Kulturen und was unsere Rolle bei ihnen bedeutete  und heute noch ist. Die Two-Spirits sind Teil des Schöpfungsmythos; sie fungieren als Berater, Heiler, Schamane, Medizinmann, Erfinder, Künstler … je nachdem wofür sie berufen sind. Und die Berufung kommt durch ein Gefühl, eine Vision oder einen Traum. Dieser Traum taucht früher in sehr jungen Jahren auf, öfters auch erst später im Leben. Die Schamanen des Stammes sind es, welche den Kontakt zu der Seele haben oder auch zu den Seelenanteilen. Sie sind die Mittler zwischen Mann und Frau; Göttern und den Menschen; der Natur und dem Menschen; der Seele und dem Menschen.

Durch meine Ausbildung im Coaching, in der Trance/Hypnose und dem Bereich Timeline/Rückführungsarbeit entdeckte ich Parallelen zwischen der modernen Psychologie und den alten Wegen der Schamanen und indigen Kulturen. So nahm ich Kontakt mit meinem Inneren auf und erkannte meine Seele.

Als ich dieses Bewusstsein erlangte, veränderte sich meine Sicht auf das Geschlecht (sozial und körperlich), das Leben und einige andere Dinge. Wenn mich heute etwas beschäftigt, nutze ich die alten Techniken, um mit dem Ego und der Seele zu kommunizieren. Ich bin mir meiner inneren Anteile bewusst geworden und habe die Balance gefunden.

 

7.       Welche Erfahrungen hast du in den letzten 10 Jahren aufgrund deiner zahlreichen Gespräche mit den unterschiedlichen Personengruppen der Transgender-Szene gemacht?

Egal, welche Facette ich betrachte, es kommt immer auf eine Sache zurück. Da ist ein Gefühl, das verstanden und gelebt werden möchte. Es gibt drei Wege es zu erfassen: mit dem Körper, dem Geist oder der Seele. Da in unserer Kultur die Transgender eine Randgruppe sind und Familien sich dafür schämen, wenn ihre Kinder solche seltsamen Gefühle haben, ist der gesellschaftliche Weg für viele schon vorgezeichnet.

Die Natur hat Menschen geboren, deren Gefühlswelt erweitert ist und sie über  männliche und weibliche Gefühle verfügen, was sehr verwirrend für ein Kind ist. Die alten (indigen) Kulturen haben diese Menschen in ihre Gesellschaft integriert und ihre besonderen Fähigkeiten genutzt.

Wir stehen heute wieder kurz davor, das genau dies wieder passiert, wenn auch auf einem anderen Weg. Wir sind ein Teil der Gesellschaft  und sie nimmt uns wahr. Es ist jetzt an uns, was wir daraus machen.

 

8.       Wie schätzt du die Wahrscheinlichkeit ein, dass sich unter den Transgendern noch weitere Two Spirits befinden, ohne dass sie dessen bewusst sind, und wie begründest du das?

Einige haben den Spagat hinbekommen und sich die Freiräume geschaffen, sich zu erforschen und zuzulassen. Sie leben heute als Mann oder Frau oder auch im Wechsel. Sie leben außerhalb eines gesellschaftlichen Zwanges ihr Leben, in dem sie zu sich selbst stehen. Der Weg dorthin war sehr unterschiedlich.

Dann gibt es diejenigen, welche auf der Suche nach ihrem Selbst sind, jedoch noch nicht den Zugang gefunden haben. Ihnen können die alten Wege helfen, das innere Gespräch aufzunehmen und zuzulassen. Wohin es sie führt … Welchen Weg wir auch wählen, es wird der eigene individuelle Weg sein, wenn er aus uns "selbst" kommt.

 

9.       Was kannst du als Two Spirit für die unterschiedlichen Personengruppen der Transgender tun, um ihnen zu helfen, sich zu verstehen?

Ich kann ihnen helfen, den Kontakt zu ihrem Selbst zu bekommen, so wie es früher andere Two-Spirits taten, wenn ein Kind die Gefühle zeigte oder ein Traum ein Kind zum Two-Spirit berief. Durch Anthropologen und Forscher, sowie auch die indigen Kulturen selbst, offenbart sich heute das alte Wissen. Der Kern ist Selbst-Erfahrung. Ich kann nur vermitteln … was das eigene Sein bedeutet, kann jeder nur selbst erfahren.

 

Danke, Kalen.